Trau keinem Arbeitszeugnis! Hamburger Abendblatt, 23. Mai 2010

Arbeitszeugnisse sind stets wohlwollend formuliert. Das müssen sie auch sein, sagt die Rechtsprechung. Trennt sich ein Unternehmen vom Mitarbeiter und unterzeichnet einen Aufhebungsvertrag, findet man darin in der Regel sogar diese Formulierung: „Das Unternehmen verpflichtet sich, ein qualifiziertes Zeugnis zu erstellen.“ Oder so ähnlich. Aber auch da, wo dies nicht vertraglich festgehalten worden ist, werden Zeugnisse wohlwollend formuliert. Oft sogar vom ausscheidenden Mitarbeiter selbst. In emotional aufgeladenen Situationen – und dazu gehört eine Trennung vom Mitarbeiter zweifellos – kann ja auch viel Druck rausgenommen werden, wenn die Leistung des Mitarbeiters noch einmal wertschätzend beschrieben und beurteilt wird. Und wer will einem Mitarbeiter auf der Reise schon einen Stein in den Weg legen? So erleidet das Arbeitszeugnis dasselbe Schicksal, wie viele Beurteilungssysteme in Unternehmen, das eine früher, das andere später. Nach einigen Jahren gibt es nur noch gute bis sehr gute Mitarbeiter. Und wenn man sich von einem Mitarbeiter trennt, stellt man ihm zum Abschied wenigstens ein gutes Zeugnis aus. Aber wie wertvoll ist ein Arbeitszeugnis heute noch? Welche Aussagekraft hat es? Und wer auf Arbeitgeberseite interessiert sich überhaupt noch ernsthaft dafür? Ich frage mich regelmäßig, ob sich mein zeitliches Investment in das Lesen eines Zeugnisses lohnt. Wer hat dieses Zeugnis wohl geschrieben und unter welchen Rahmenbedingungen ist es zustande gekommen? Kann ich ihm wirklich glauben? Also rufe ich lieber den Unterzeichner des Arbeitszeugnisses an und frage, ob er auch noch ergänzende Informationen hat, oder ob ich das eine oder andere richtig verstanden habe. Oder ich bemühe das Internet. Oder ich hole Referenzen ein. Dem Arbeitszeugnis jedenfalls glaube ich nicht mehr. Im Ausland ist man da weiter und verzichtet schon lange auf blumige und lobhudelnde Formulierungen und schreibt ein kurzes „To whom it may concern“, verbunden mit dem Angebot jederzeit eine persönliche Referenz zu geben, wenn dies gewünscht werde. In Deutschland ist dies eigentlich auch schon gelebte Praxis – allerdings zurzeit noch beschränkt auf die Positionen gehobener Hierarchieebenen. Ein Arbeitszeugnis gehört in Deutschland zwar immer noch zum guten Ton – insbesondere ein gutes. Aber, ob es wirklich noch als ein adäquates Beurteilungsinstrument herangezogen werden kann, ist fraglich. Für mich zumindest. Ich empfehle daher jedem Manager, statt an einem wohlwollend klingenden Arbeitszeugnis lieber an seinen Referenzen und an seiner Reputation zu arbeiten.


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